Richtlinien zum Schutz vor Missbrauch geistlicher Autorität auf dem Neokatechumenalen Weg
„Denn wir predigen nicht, um euch irrezuführen und nicht in unlauterer oder betrügerischer Absicht, sondern wir tun es, weil Gott uns geprüft und uns das Evangelium anvertraut hat, nicht also um den Menschen, sondern um Gott zu gefallen, der unsere Herzen prüft. Nie haben wir mit unseren Worten zu schmeicheln versucht, das wisst ihr, und nie haben wir aus versteckter Habgier gehandelt, dafür ist Gott Zeuge.“ (1 Thess 2,3-5)
Einführung
Der Neokatechumenale Weg ist ein Itinerarium katholischer Formung im Dienst der Bischöfe als Werk für die Neuevangelisierung ( Vgl. Der Neokatechumenale Weg. Statut, Kevelaer 2008, Art. 1 und 2). Als Weg der christlichen Initiation hat er keine assoziative Struktur, da er als „öffentliche Institution“ für die Verkündigung des Evangeliums nach den vom Heiligen Stuhl genehmigten Verfahren anerkannt wurde. Zentrum dieses Weges bildet der „Dreifuß“ von Wort-Liturgie-Gemeinschaft, worauf sich das christliche Leben gründet ( Vgl. Statut, Art. 9). Dabei stellen die Personen ihr Leben in verschiedenen Formen und Kontexten immer wieder und konkret unter das Wort Gottes und teilen die darauf basierende Glaubenserfahrung untereinander im Rahmen ihrer kleinen Gemeinschaft (Vgl. Statut, Art. 7 § 1; 11 § 2; 13 und 15 § 2). Unter Achtung des forum internum und der Gewissensfreiheit der Einzelnen werden sie insbesondere eingeladen, vom Wirken der Gnade Gottes im eigenen Leben zu berichten. „Dies hilft sich gegenseitig kennen zu lernen, zu erleuchten und zu ermutigen.“ (Statut., Art. 15 § 2)
Definition vom Missbrauch geistlicher Autorität
Unter Missbrauch geistlicher Autorität als Sammelbegriff für Formen von psychischem bzw. emotionalem Missbrauch verstehen wir im Allgemeinen die Instrumentalisierung des geistlichen Bereichs des Menschen in religiösen Beziehungskontexten, sowohl in individuellen Begegnungen als auch in verschiedenen Kontexten.
Im geistlichen Missbrauch kommt es zu einer Verletzung der Würde einer Person durch die Manipulation ihrer Gottesbeziehung, christlicher Werte, kirchlicher Vorgaben, theologischer Aussagen, indem eine andere Person ihre geistliche Autorität anwendet, um Abhängigkeit zu verursachen und so die eigenen Ziele zu erreichen oder Bedürfnisse zu befriedigen (Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofkonferenz (Hg.), Missbrauch geistlicher Autorität. Zum Umgang mit Geistlichem Missbrauch (Arbeitshilfe 338), S. 15).
Vom Missbrauch geistlicher Autorität sind Konflikt- bzw. Krisensituationen zu unterscheiden, in denen es zu Meinungsverschiedenheiten bzgl. geistlicher Angelegenheiten kommen kann, wo jedoch die religiöse Autorität ausschließlich unter Achtung der Freiheit der Personen eingesetzt wird (Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofkonferenz (Hg.), Missbrauch geistlicher Autorität. Zum Umgang mit Geistlichem Missbrauch (Arbeitshilfe 338), S. 21).
Wir nehmen wahr, dass Missbrauch geistlicher Autorität in jeder religiösen Gemeinschaft geschehen kann, und sind uns der bisweilen desaströsen Konsequenzen im Leben der Personen bewusst. Daher verpflichten wir uns, stets wachsam zu sein, damit er auf dem Neokatechumenalen Weg nicht vorkommen kann, und wir verpflichten uns, das Problembewusstsein dafür bei den Menschen zu formen.
Notwendige Haltungen
Um Missbrauch geistlicher Autorität innerhalb der Gemeinschaften des Neokatechumenalen Weges zu verhindern, wenden wir vor allem die folgende Praxis an:
Im Rahmen des Neokatechumenalen Weges wird jede kleine Gemeinschaft von einem Katechisten-Team begleitet, deren Mitglieder selbst einer anderen kleinen Gemeinschaft gehören. Jedes Katechisten-Team setzt sich aus Personen zusammen, die von derjenigen kleinen Gemeinschaft gewählt werden, zu der die Katechisten selbst gehören (Vgl. Statut, Art. 17 § 3). Das Team, das aus einigen Laien und einem Priester besteht, „führt die verschiedenen Übergänge des neokatechumenalen Itinerariums“ (Statut, Art. 28 § 1 und § 2 Abs. 2) und „übt die wichtige Aufgabe der Unterscheidung bezüglich der Eignung der einzelnen Neokatechumenen und der betreffenden Gemeinschaften hinsichtlich des Übergangs zu den folgenden Etappen des Itinerariums des Neokatechumenalen Weges aus“ (Statut, Art. 28 § 2 Abs. 3. Siehe auch Art. 23 § 2).
Da sich der Neokatechumenale Weg „in der Regel in der Pfarrei verwirklicht“ (Statut, Art. 6 § 1), handelt das Katechisten-Team in enger Zusammenarbeit mit dem Pfarrer als pastor proprius der entsprechenden Pfarrei (Vgl. Statut, Art. 6 § 2).
Das Katechisten-Team achtet darauf, dass jegliche Form von „Personenkult“ oder die Identifizierung des einzelnen Katechisten mit der „Stimme Gottes“ vermieden wird.
Die Begleitung durch das Katechisten-Team entspricht nicht der traditionellen Form der geistlichen Begleitung. Vielmehr handelt es sich um eine im Rahmen der kleinen Gemeinschaft im Dialog zwischen Neokatechumenen und Katechisten-Team vollzogenen gemeinsamen Reflexion, die im Lichte des Wortes Gottes und stets unter Wahrung der Freiheit der jeweiligen Personen geschieht.
Die Begegnungen des Katechisten-Teams finden nicht mit einzelnen Personen, sondern in der Gemeinschaft statt. Falls es doch notwendig ist, individuell mit einer Person zu sprechen, findet dieses Gespräch mit dem gesamten Katechisten-Team oder zumindest in Anwesenheit von drei Mitgliedern des Teams statt, von denen einer möglichst ein Priester ist.
Besonders bei den Übergangsskrutinien (die Skrutinien leisten den Neokatechumenen auf ihrem geistlichen Weg Hilfe. Dies geschieht nach kanonischen Normen und dem OICA – vgl. Statuten, Art. 19 § 2) haben die Katechisten „höchsten Respekt vor den sittlichen Aspekten des inneren Bereichs der Neokatechumenen zu wahren, die in das Forum internum der Person fallen“ (Statuten, Art. 28 § 2 Abs. 4). Bei der Leitung der Übergangsskrutinien gehen die Katechisten, aufgrund der Empfindlichkeit all dessen, was das Gewissen („Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird. Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist.“ – II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes (07.12.1965), Nr. 16) der Personen betrifft, mit Vorsicht vor. Die Freiheit der Personen wird respektiert, indem jede Überschreitung in der Art, die Fragen vor der Gemeinschaft zu stellen, vermieden wird, die der Würde des Gewissens eines jeden Einzelnen widerspräche („Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen“ – Franziskus, Nachsynodales apostolisches Schreiben über die Liebe in der Familie Amoris laetitia (19.03.2016), Nr. 37).
Das Mitteilen von persönlichen Erfahrungen und die Entdeckung der Verschiedenheit sowie der menschlichen Fehler und Schwächen, die zum Menschsein und auch zu einem solchen gemeinschaftlichen Weg naturgemäß dazu gehören (Vgl. Statut,Art. 15 § 3), bringt mit sich, dass die Brüder und Schwestern sich mit der Zeit besser kennen lernen und dabei an Aspekten des persönlichen Lebens der Einzelnen, an deren Freuden und Leiden, teilhaben.
Aus dieser Dynamik des Neokatechumenalen Weges ergibt sich auch die Notwendigkeit, stets darauf zu achten, dass das christliche Leben von jedem Einzelnen ein Weg der Freiheit ist und bleibt, sowohl in geistlicher als auch in psychischer Hinsicht.
Jegliche Form der spirituellen Manipulation, der geistlichen Grenzverletzung und der Ausnutzung von Personen auf dem Neokatechumenalen Weg sowie jegliche Einschränkung der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen werden vermieden. Dies betrifft auch die Entscheidung hinsichtlich der Teilnahme oder des Verlassens des Neokatechumenalen Weges sowie die Äußerungen zu persönlichen Angelegenheiten innerhalb der Gemeinschaft. All diese Aspekte werden in vollem Umfang respektiert.
Der Neokatechumenale Weg zielt darauf ab, eine spirituelle Weite zu erlangen, die sich auch in der Freude über andere Charismen manifestiert. Darüber hinaus wird eine Wertschätzung anderer Möglichkeiten gefördert, den Glauben fruchtbar zu leben.
Den Teilnehmern des Neokatechumenalen Weges steht es frei, auch außerhalb des Neokatechumenalen Weges geistliche Begleitung in Anspruch zu nehmen.
Im Rahmen des Neokatechumenalen Weges wird eine Offenheit für den gesamten Lehr- und Erfahrungsschatz der Kirche und seine Kenntnis aktiv gefördert. Eine wichtige Konkretisierung davon geschieht durch die jährlichen Konvivenzen (Einkehrtage) zu Beginn des akademischen Jahres, in denen die Lehre der Kirche anhand der Dokumente des Lehramtes vorgestellt wird.
Meldewege
Bei einem Weg, der als Ziel hat, den Personen bei ihrem Wachstum im Glauben zu helfen, kann nicht ganz und gar vermieden werden, dass Fehler geschehen und folglich korrigiert bzw. aufgearbeitet werden müssen.
Dabei ist es u. a. wichtig, zwischen Missbrauch geistlicher Autorität im eigentlichen Sinn und nicht vorsätzlichen Fehlern in der Begleitung der Neokatechumenen zu unterscheiden, die etwa aufgrund von Unwissen oder Mangel an Erfahrung geschehen und von den Adressaten als verletzend wahrgenommen werden können. Solche Fehler werden auch erkannt und korrigiert, sind aber nicht als Fälle von Missbrauch zu qualifizieren (Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofkonferenz (Hg.), Missbrauch geistlicher Autorität. Zum Umgang mit Geistlichem Missbrauch (Arbeitshilfe 338), S. 22).
Ebenso als Missbrauch nicht zu bewerten sind Situationen, in denen die treue Verkündigung der allgemein gültigen Lehre der katholischen Kirche auf subjektives Unbehagen der Empfänger stößt, die solche Inhalte aus welchen Gründen auch immer als verletzend oder unpassend empfinden.
Im Falle eines Verdachts auf Missbrauch geistlicher Autorität kann sich jede Person, die auf dem Neokatechumenalen Weg ist, an den Pfarrer wenden, an das für das Gebiet verantwortliche Katechisten-Team (auf regionale oder nationale Ebene) wenden oder an den diözesanen Ansprechpartner für Betroffene von Missbrauch geistlicher Autorität wenden (Vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofkonferenz (Hg.), Missbrauch geistlicher Autorität. Zum Umgang mit Geistlichem Missbrauch (Arbeitshilfe 338), S. 24). Von dieser Stelle aus wird das nationale Verantwortlichen-Team des Neokatechumenalen Weges über die Tatsache informiert, dass ein Missbrauchsverdacht vorliegt.
Unabhängig vom Verfahren durch die Diözese entscheidet das nationale Verantwortlichen-Team des Neokatechumenalen Weges, ob einer beschuldigten Person ihre bisher ausgeübten Verantwortungen oder Aufgaben innerhalb des Neokatechumenalen Weges untersagt werden.
Der bzw. den betroffenen Gemeinschaft(en), in der (denen) es zum Missbrauchsfall gekommen ist, wird die entstandene Situation und die ergriffenen Maßnahmen durch das nationale Verantwortlichen-Team oder durch die vom nationalen Verantwortlichen-Team delegierte Personen klar kommuniziert und erläutert.
Schluss
Diese Richtlinien sollen dazu beitragen, zu vermeiden, dass auf dem Neokatechumenalen Weg Fälle vom Missbrauch geistlicher Autorität geschehen. Sollten sich trotz aller Bemühungen solche Fälle ereignet haben bzw. ereignen, werden diese aufgearbeitet und die Betroffenen angemessen unterstützt werden. Die Förderung einer Kultur der Achtung der Freiheit („Die wahre Freiheit aber ist ein erhabenes Kennzeichen des Bildes Gottes im Menschen: Gott wollte nämlich den Menschen ‚in der Hand seines Entschlusses lassen‘, so daß er seinen Schöpfer aus eigenem Entscheid suche und frei zur vollen und seligen Vollendung in Einheit mit Gott gelange“ – II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et spes (07.12.1965), Nr. 17, inneres Zitat: vgl. Sir 15,14.) des Einzelnen ist eine unverzichtbare Voraussetzung dafür, dass jeder Mensch die bedingungslose Liebe Gottes in Jesus Christus erfahren kann.